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Das Geld
Recherche und Fragebogen: Redaktion Ohrenkuss
Auswertung: Diplom-Biologin Katja Weiske
Geld verdienen ist wichtig - das geht vielen Menschen so. Und natürlich auch Personen mit dem Down-Syndrom. Sie möchten arbeiten und dafür einen angemessenen Lohn erhalten.
Dieses Geld möchten sie ausgeben - und zwar nicht nur als Taschengeld, sondern auch "richtig". Für Essen, Kleidung oder Wohnen wie alle anderen Menschen auch.
Eine junge Frau in Düsseldorf. Sie ist 21 Jahre alt, hat die Schule beendet und möchte sich nun im Berufsleben orientieren. Sie arbeitet schon als Hauswirtschaftshelferin im Kindergarten. Die Arbeit und der Umgang mit den Kindern machten ihr großen Spaß und sie würde gerne eine entsprechende Ausbildung beginnen, um sich in diesem Berufsfeld zu qualifizieren. Ganz normal, denkt man. Eine Situation, wie sie tausende junger Menschen jährlich in Deutschland haben. Mit einem Unterschied: Die junge Frau hat das Down-Syndrom, das seine Ursache in einem überzähligen Chromosom hat und neben einigen anderen Merkmalen eine geistige Behinderung von meist mittlerem Schweregrad mit sich bringt. Erwachsene Menschen wie die junge Düsseldorferin gehen meist einer gering entlohnten Beschäftigung in einer beschützten Werkstatt für geistig behinderte Menschen nach. Streben sie eine ihren Fähigkeiten entsprechende Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt an, gibt es meist erhebliche Probleme, wie im eben geschilderten Fall: Für eine Ausbildung in einer Stiftung, die die junge Frau aufnehmen wollte, verweigerte das Arbeitsamt die finanziellen Mittel.
Diesen und andere Vorfälle nahmen die Redaktionsmitglieder des Magazins Ohrenkuss...da rein, da raus (alles junge Erwachsene mit Down-Syndrom) zum Anlass, die Arbeitssituation erwachsener Menschen mit Down-Syndrom in Deutschland zu untersuchen. Mittels finanzieller Förderung durch den Stifterverband und mit der Unterstützung der beiden Projektleiterinnen Dr. Katia de Braganca und Brigit Mosimann wurde von den Redaktionsmitgliedern ein Fragebogen zum Thema Arbeit entwickelt, der auch einen Fragenteil zum Thema Geld / Geld verdienen enthielt, was ja eng mit der Arbeit verknüpft ist. Mit den hier gestellten Fragen sollte das Verhältnis zu bzw. der Umgang mit Geld von erwachsenen Menschen mit Down-Syndrom untersucht werden. Die Auswertung der gestellten Fragen (z.T. zum Ankreuzen, z.T zum Ausformulieren) erfolgte von den Redaktionsmitgliedern mit wissenschaftlicher Unterstützung von Dipl.-Biologin Katja Weiske.
Aus den zurückgesandten Fragebögen konnte ein Kollektiv von 48 Menschen mit Down-Syndrom erstelIt werden. Ihr Alter liegt im Durchschnitt zwischen 20 und 40 Jahren. Es handelt sich um 29 Berufstätige, 7 Auszubildende, 10 SchülerInnen und 2 Rentnerlnnen. Zum VergIeich wurde ein Kontrollkollektiv bestehend aus 34 Menschen ohne Handicap (23 Berufstätige , 7 SchülerInnen / StudentInnen und 4 StudentInnen, die nebenher einer tariflich bezahlten Arbeit nachgehen) ausgewertet.
Von den 36 Berufstätigen bzw. Auszubildenden mit Down-Syndrom arbeiten mehr als zwei Drittel (25) in speziellen beschützten Einrichtungen für geistig behinderte Menschen, meist in Werkstätten, in denen Montage-, Verpackungs- und Sortierarbeiten verrichtet werden. 6 weitere Personen mit Down-Syndrom erhalten eine Ausbildung, um eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausüben zu können (Hotelfach, Kindergarten und Altenheim), 2 Frauen arbeiten als Hauswirtschaftshelferin im Kindergarten, eine arbeitet in einer industriellen Firma und eine als Bibliotheksassistentin. Ein Mann mit Down-Syndrom arbeitet neben einer Werkstatttätigkeit noch im Filmgeschäft.
Alle haben eine klare Vorstellung vom "Geldverdienen"
Eine Vorstellung vom Begriff des "Geldverdienens" haben nahezu alle Teilnehmer der Studie mit Down-Syndrom. Mehr als drei Viertel der Probanden beantworteten die Fragen "Möchtest du Geld verdienen?" und "Ist es wichtig, Geld zu verdienen?" mit "Ja". Auch die Frage "Verdienst du Geld?" konnte von allen Probanden beantwortet werden. Die Wichtigkeit von Arbeit für den Einzelnen begründeten ein Viertel der Probanden ganz klar mit dem Wunsch bzw. der Notwendigkeit des Geldverdienens. Von diesen Probanden wird ganz deutlich der Zusammenhang zwischen Arbeit und Geld verdienen erkannt.
Die Frage nach der Höhe des erhaltenen Gehalts macht jedoch deutlich, dass viele Menschen mit Down-Syndrom keine differenzierte Vorstellung vom "Wert" des Geldes zu haben scheinen, tatsächliche Zahlen scheinen ein abstrakter Begriff zu sein.
Die Antworten auf die Frage nach der Höhe des Verdienstes lauten beispielsweise: "viel", "viel Mark", "20 Mio. und noch mehr", "ich bin reich", "pro Tag 40 Stück Geld" und Ähnliches. 5 Personen geben an, nicht zu wissen, wie viel Geld sie verdienen und 4 beantworten die Frage nur mit "Ja". Nur 12 Berufstätige in beschützten Werkstätten geben ein konkretes Gehalt an, das zwischen € 50 und € 250 pro Monat liegt. Auffällig ist, dass all jene Personen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten, eine genaue Angabe zu ihrem Verdienst machten. Die Gehälter liegen zwischen € 450 und € 550 und damit wesentlich höher als in den Werkstätten.
Der Mann mit Down-Syndrom, der neben seiner Werkstatttätigkeit noch als Künstler tätig ist und Filme dreht, antwortete auf die Frage nach seinem Gehalt: "Mal mehr, mal weniger". Ähnliche Beobachtungen wie in der Studie des Magazins Ohrenkuss...da rein, da raus machten auch Andreas Hinz und Ines Boban, die in einer umfangreichen Untersuchung in Hamburg zwei Gruppen geistig behinderter Menschen verglichen, die in Hamburg ein Arbeitstraining durchliefen.
Einmal eine so genannte "Assistenz-Gruppe", die das Arbeitstraining oder Integrationspraktikum in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes absolvierten und dabei von der Hamburger Arbeitsassistenz unterstützt wurden, und eine "Werkstattgruppe", die das Arbeitstraining in verschiedenen Hamburger Werkstätten für Behinderte durchliefen (die gesamte Studie erschien im Herbst 2001 als Buch: "Integrative Berufsvorbereitung. Unterstütztes Arbeitstraining für Menschen mit Behinderungen." Neuwied/Berlin: Luchterhand). Hinz und Boban schreiben: "Während der Verdienst bei der Werkstatt-Gruppe unter 200 DM beginnt und bei unter 1000 DM endet, beginnt er bei der Assistenzgruppe unter 500 DM und reicht bei 15% der Teilnehmer bis über 1500 DM. Auch wenn kein Zweifel darüber bestehen dürfte, dass der Bedarf des täglichen Lebens auch mit den höheren Verdiensten der Assistenz-Gruppe nicht vollständig zu bestreiten ist und die Abhängigkeit von Leistungen der Sozialhilfe weiter besteht, so ist dieses Ergebnis ein dramatisches. Auffällig ist darüber hinaus, dass ein Drittel der Werkstatt-Gruppe keine Angaben über ihr Einkommen macht, der größte Teil weiß nicht, wie viel Geld er verdient."
Jede Dritte der befragten Personen weiß nicht, wie viel Geld sie verdient
Die "0hrenkuss-Studie" untersuchte weiterhin die Zufriedenheit der Probanden mit dem Verdienst. Knapp zwei Drittel der Werkstattberufstätigen sind demnach mit ihrem Verdienst unzufrieden, während die Personen aus dem allgemeinen Arbeitsmarkt die Frage: "Verdienst du genug Geld?" durchweg bejahten. lnteressant ist, dass einige Personen aus den Werkstätten Zufriedenheit mit dem Verdienst angaben, ohne diesen zu kennen bzw. eine reale Angabe darüber machen zu können. Hinz und Boban kamen hier zu folgendem Ergebnis: "Während zwei Drittel der Assistenz-Gruppe mit ihrem Verdienst zufrieden ist, ist es bei der Werkstatt-Gruppe knapp die Hälfte. Dagegen ist ein Drittel der Werkstatt-Gruppe und ein Sechstel der Assistenz-Gruppe unzufrieden. Ein gewisser Anteil der Werkstatt-Gruppe ist offenbar mit dem Verdienst zufrieden, obwohl er ihn nicht kennt."
Was ist nun die Ursache für das mangelnde Wissen vieler Erwachsener mit Down-Syndrom über den "Wert" des Geldes bzw. für das Unvermögen einer realistischen Einschätzung der eigenen finanziellen Situation? Liegt es am veränderten Vorstellungsvermögen der Personen oder am mangelnden Umgang und Zugang zum Thema Geld? Dies wäre sicher ein lohnendes Thema für eine neue Studie. Die weitere Auswertung der Ohrenkuss-Studie ergab jedoch schon deutliche Hinweise darauf, das der letztgenannte Punkt (mangelnder Umgang und Zugang zum Thema Geld) bei vielen Erwachsenen mit Down-Syndrom eine wichtige Rolle spielt:
Zunächst interessierte die Redaktionsmitglieder von Ohrenkuss...da rein, da raus die Frage nach einem eigenen Konto. Weniger als die Hälfte, (21) des Kollektivs gab an, ein eigenes Konto zu besitzen, 2 Personen verneinten die Frage, 13 gaben an, ein Sparbuch oder Sparschwein zu besitzen, der Rest machte zu der Frage keine Angabe. Hier fällt neben der Höhe des Gehalts ein weiterer krasser Unterschied zum Kontrollkollektiv auf: Außer 3 Schülerlnnen besitzen alle Probanden des Kontrollkollektivs ein eigenes Konto.
Ein widersprüchliches Ergebnis ergab die Frage: "Hast du genug Geld zum Ausgeben?" im Vergleich zu der Frage: "Verdienst du genug Geld?". Während sich wie oben beschrieben zwei Drittel der Werkstatttätigen unzufrieden zu ihrem Verdienst äußerten, gaben ebenfalls zwei Drittel an, genug Geld zum Ausgeben zu haben. Hinweise auf eine Erklärung dieses scheinbaren Widerspruchs geben die schriftlichen Kommentare zweier Werkstatttätiger. Eine Frau schreibt, dass sie zum eigenen Verdienst noch Geld von den Eltern erhält. Ein fast 30-jähriger Mann schreibt auf die Frage nach einem eigenen Konto: "Ja, Mama hat was". Betrachtet man zusätzlich die Wohnsituation der Personen mit Down-Syndrom, von denen drei Viertel zu Hause bei Eltern bzw. Geschwistern wohnen (wobei sie in einem Alter sind, wo Menschen ohne Handicap längst von den Eltern unabhängig leben), wird klar, dass sich bei den meisten Menschen mit Down-Syndrom die Eltern-Kind-Beziehung in das Erwachsenenalter hinein fortsetzt, was das Erreichen einer gewissen Selbstständigkeit in vielen Bereichen und eben auch beim Thema Geld sicher erschwert. Einerseits verbleiben viele Menschen mit Down-Syndrom dadurch in der "Kinderrolle", zu der es gehört, dass sich um finanzielle Dinge die "Erwachsenen" (hier meist die Eltern) kümmern. Andererseits zeigen die Ergebnisse der Ohrenkuss-Studie sowie auch die Studie von Hinz und Boban, dass Menschen mit Down-Syndrom in unserer Gesellschaft ja auch gar nicht die Möglichkeit haben, auch nur annähernd ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, wodurch der Verdienst (vor allem bei Werkstatttätigen) als eine Art Taschengeld empfunden wird. Dies spiegelt die Auswertung der Frage: "Was machst du mit deinem Geld?" wider, auf die die Probanden mit Down-Syndrom überwiegend Sachen anführten wie: "Eis, Gummibärchen, Kino, Kassetten, Sparen etc.", während die Personen des Kontrollkollektivs fast immer Dinge wie: "Miete, Essen, Kleidung, Reisen etc." angaben. Die EItern vieler Menschen mit Down-Syndrom werden durch die mangelnden Möglichkeiten in Deutschland, mit dieser Behinderung ein den Fähigkeiten entsprechendes selbstständiges Leben zu führen, gezwungen, die EIternrolle auch im Erwachsenenalter weiter zu übernehmen, wozu auch die finanzielle Fürsorge gehört (dazu gehört auch das sich Kümmern um die staatlich gewährten finanziellen Hilfen). Ein entsprechender Zu- und Umgang mit dem Thema Geld wird den Erwachsenen mit Down-Syndrom dadurch erheblich erschwert.
Lernen, mit Geld umzugehen, sollte selbstverständlich sein
Projekte wie das der Hamburger Arbeitsassistenz, was Menschen mit Behinderungen eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt mit besserer Bezahlung ermöglichen soll (genaue Erläuterung in dem Buch von Andreas Hinz und Ines Boban) sowie entsprechende Projekte zu weitgehend selbstständigen Wohnmöglichkeiten sollten daher unbedingt weiter gefördert und ausgeweitet werden. Einen Fall wie der der jungen Frau aus Düsseldorf, der es verwehrt wird, sich trotz ausreichender Fähigkeiten für eine besser bezahlte Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu qualifizieren, dürfte es in unserer Gesellschaft schon lange nicht mehr geben.
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