A
A
Startseite Informationen Projekte Kontakt Links
A
A
A
Navigation: Startseite > Projekte > Arbeitsstudie > Die Gesamt-Studie



Die Studie zum Thema ARBEIT und Down-Syndrom


Die Gesamt-Studie
Recherche und Fragebogen: Redaktion Ohrenkuss
Auswertung: Diplom-Biologin Katja Weiske


Arbeit ist aufregend, Arbeit macht Freude.
Arbeit bringt mir Geld, Arbeit macht mich selbstständig.
Arbeit macht manchmal müde, Arbeit ist lustig.
Arbeit füllt mein Leben aus, Arbeit bringt mir Anerkennung.
Arbeit kann auch kränken.
Menschen ohne Arbeit sind sehr arm und sie tun mir von Herzen leid.

Das schreibt Michaela Koenig, eine junge Frau mit Down-Syndrom. Sie ist Schriftstellerin und Mitarbeiterin des Magazins Ohrenkuss ...da rein, da raus.

Wie entstand die Studie?

Eine junge Frau in Düsseldorf. Sie ist 21 Jahre alt, hat die Schule beendet und möchte sich nun im Berufsleben orientieren. Sie arbeitet schon als Hauswirtschaftshelferin im Kindergarten. Die Arbeit und der Umgang mit den Kindern macht ihr großen Spaß und sie würde gerne eine entsprechende Ausbildung beginnen, um sich in diesem Berufsfeld zu qualifizieren. Ganz normal, denkt man. Eine Situation, wie sie Tausende junger Menschen jährlich in Deutschland haben. Mit einem Unterschied: Die junge Frau hat das Down-Syndrom, welches seine Ursache in einem überzähligen Chromosom 21 hat und neben einigen anderen Merkmalen eine geistige Behinderung von meist mittlerem Schweregrad mit sich bringt. Erwachsene Menschen wie die junge Düsseldorferin gehen meist einer gering entlohnten Beschäftigung in einer beschützten Werkstatt für geistig behinderte Menschen nach. Streben sie eine ihren Fähigkeiten entsprechende Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt an, gibt es meist erhebliche Probleme, wie im eben geschildertem Fall: Für eine Ausbildung in einer Stiftung, die die junge Frau aufnehmen wollte, verweigerte das Arbeitsamt die finanziellen Mittel.

Diesen und andere Vorfälle nahmen die Redaktionsmitglieder des Magazins Ohrenkuss...da rein, da raus, alles junge Erwachsene, die das Down-Syndrom haben, zum Anlass, die Arbeitssituation erwachsener Menschen mit Down-Syndrom in Deutschland zu untersuchen.

Anstatt es sogenannten Experten zu überlassen, zur Arbeitssituation von Menschen mit geistiger Behinderung zu forschen und zu berichten, sollten die Betroffenen selbst zu Wort kommen und als "Kenner der eigenen Sache" ihre Lebenssituation in bezug auf die Arbeit zum Ausdruck bringen.


Wer bezahlte die Studie? Wer machte die ganze Arbeit?

Mittels finanzieller Förderung durch den Stifterverband und mit der Unterstützung der beiden Projektleiterinnen, Dr. Katja de Bragança und Brigit Mosimann wurde von den Redaktionsmitgliedern mit dem Down-Syndrom ein Fragebogen entwickelt, der eine Sammlung verschiedenster Fragen rund um das Thema Arbeit enthielt.


Wie sah der Fragebogen aus? Wer füllte den Fragebogen aus?

Das Redaktionsteam setzte hier sowohl auf quantitative Angaben (Fragen zum Ankreuzen), als auch auf qualitative Aussagen (ausformulierte Antworten). Die Auswertung erfolgte mit wissenschaftlicher Unterstützung von Dipl.-Biologin Katja Weiske. Die Fragebögen wurden mit der Ohrenkuss-Ausgabe zum Thema Arbeit an die Abonnenten mit und ohne Down-Syndrom sowie solche mit einem anderen Handicap verschickt.

Aus den 102 zurückgesandten Fragebögen konnten drei verschiedene Kollektive zusammengestellt werden: 48 StudienteilnehmerInnen haben das Down-Syndrom, 33 haben eine andere Behinderung (verschiedenste Handicaps wie Lernbehinderung, geistige Behinderung, seelische Behinderung, Rollstuhl etc.) und 34 StudienteilnehmerInnen leben ohne Handicap. Im Vordergrund stand für die Redakteure von Ohrenkuss die Auswertung der Fragebögen der Befragten mit Down-Syndrom, um sich ein Bild von deren Arbeitssituation und ihrer Bewertung zu machen. Die Antworten der TeilnehmerInnen der beiden anderen Kollektive wurden zum Vergleich herangezogen.



Wie alt waren die Personen, die den Fragebogen ausfüllten? Was haben sie gearbeitet oder was lernten sie gerade?

Der Altersdurchschnitt bei den Frauen und Männern mit Down-Syndrom liegt zwischen 20 und 40 Jahren, eine Spanne, in der die meisten Menschen einer Arbeit nachgehen. Das Kollektiv setzt sich zusammen aus 29 Berufstätigen, 7 Auszubildenden, 10 SchülerInnen und zwei RentnerInnen. Von den 36 Berufstätigen und Azubis (29 + 7) mit Down-Syndrom arbeiten mehr als zwei Drittel (25) in beschützten Einrichtungen (Werkstätten für behinderte Menschen), in denen Montage, Verpackungs- und Sortierarbeiten verrichtet werden. Nur 11 TeilnehmerInnen arbeiten bzw. erhalten eine Ausbildung entweder in integrativen Einrichtungen oder auf dem sogenannten allgemeinen Arbeitsmarkt: 7 Azubis werden in den Bereichen Hotelfach, Kindergarten und Altenheim ausgebildet, eine Frau arbeitet bereits als Hauswirtschaftshelferin im Kindergarten, eine arbeitet in einer industriellen Firma und eine als Bibliotheksassistentin. Ein Mann mit Down-Syndrom arbeitet neben seiner Werkstatttätigkeit noch im Filmgeschäft und als Künstler.

Interessanterweise arbeiten in der Gruppe der StudienteilnehmerInnen mit einer anderen Behinderung ebenfalls 25 von 32 Berufstätigen in beschützten Werkstätten und nur 7 haben eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dies erstaunt, da die Frauen und Männer dieses Kollektivs durchschnittlich leichtere Handicaps haben, als es das Down-Syndrom in der Regel ist, was sich auch in der Anzahl der Befragten zeigt, die den Fragebogen ohne Unterstützung ausfüllen konnten. Bei den Personen mit Down-Syndrom haben etwas weniger als die Hälfte (20) den Fragebogen alleine ausgefüllt, bei den Befragten mit einer anderen Behinderung waren es ca. dreiviertel des Kollektivs (25).


Die Lücke zwischen Schule und Arbeitsleben

Die Ohrenkuss-Studie zeigt, dass die meisten Menschen mit einer leichten bis mittelschweren geistigen Behinderung trotz integrativer Bemühungen (vor allem im schulischen Bereich) immer noch hauptsächlich in beschützten Werkstätten tätig sind. In ihrem Buch: "Integrative Berufsvorbereitung, Unterstütztes Arbeitstraining für Menschen mit Behinderung" (Luchterhand, 2001) beschreiben die Autoren Andreas Hinz und Ines Boban in ihrem Vorwort (zu den von der Hamburger Arbeitsassistenz durchgeführten Maßnahmen zur Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt, näheres siehe Kasten am Ende dieser Seite am Ende dieser Seite) eben diese Lücke zwischen integrativen Möglichkeiten im schulischen bzw. eventuell berufsschulischen Bereich und der Integration im Arbeitsleben: "Darüber hinaus sind beide Maßnahmen (der Hamburger Arbeitsassistenz) insofern von besonderem Interesse, als mit ihnen im Anschluss an den Gemeinsamen Unterricht in allgemeinbildenden Schulen und berufsschulische Projekte mit Ernstcharakter erstmalig die Lücke zur Integration im Arbeitsleben entsprechend den Prinzipien Unterstützter Beschäftigung durch integrative Formen der beruflichen Vorbereitung geschlossen wird. In Hamburg besteht damit bundesweit erstmalig die Möglichkeit, dass Menschen mit Behinderungen durchgängig in integrativen Zusammenhängen aufwachsen. Angesichts der massiven Probleme in anderen Bundesländern - teilweise schon beim Übergang in die Sekundarstufe, fast durchgängig aber beim Übergang in die Berufliche Bildung - wird mit diesen Maßnahmen ein realer Weg für den integrativen Übergang in das Arbeitsleben aufgezeigt".


Schule und Ausbildung

Eine weitere wichtige Frage für das Redaktionsteam von Ohrenkuss war die nach der Ausbildung der Frauen und Männer mit Down-Syndrom als Grundlage für ihre berufliche Tätigkeit. Die Auswertung der ausformulierten Antworten spiegelt sehr gut wider, wie viel stärker die eigene Auseinandersetzung bzw. Reflexion der TeilnehmerInnenen über die Zusammenhänge - Schule - Ausbildung - Beruf - gefördert wird, wenn diese in Ausbildung sind oder eine Tätigkeit ausüben, mit dem Ziel, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt integriert zu werden. StudienteilnehmerInnen, die den bisher traditionellen Weg von der sonderschulischen Einrichtung in eine beschützte Werkstatt gegangen sind, scheinen sich weit weniger mit der Thematik auseinander zu setzten. Von den 25 Beschäftigten in den beschützten Werkstätten geben nur 7 explizit an, eine Schule besucht zu haben, hier werden auch wichtige Fächer wie Mathematik, Deutsch, Musik, Sport und Theaterspielen aufgezählt. Eine Reihe von Befragten bezog die Frage wohl nur auf die berufliche Ausbildung und gibt eine beschützte Werkstatt als Ausbildungsstelle an oder macht unklare Angaben wie "Praktikum" oder "lesen, bisschen schreiben" oder auch nur "Beuel". 3 TeilnehmerInnen geben an, nie eine Schule besucht zu haben, wobei bei einem von ihnen sicher das Alter eine Rolle spielt (52 Jahre, stammt aus der Schweiz). Der zweite ist 34 Jahre alt, der dritte gibt an, sein Alter nicht zu wissen. 6 Befragte machen keine Angaben zur Ausbildung. Die 11 TeilnehmerInnen, die entweder eine Ausbildung mit Ziel der Integration auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erhalten oder dort bereits tätig sind, machen hingegen alle relativ genaue Angaben zu ihrer schulischen und/oder beruflichen Ausbildung, die zu einem großen Teil in integrativen Einrichtungen stattfand. Die junge Frau mit Down-Syndrom (21 J.) beispielsweise, die in zwei verschiedenen Bibliotheken Frankfurts als Bibliotheksassistentin arbeitet, gibt als Ausbildung eine Gesamtschule mit Integrationsklassen an. Zwei Azubis machen ihre Ausbildung in einer integrativen Einrichtung (Übungshotel), um später in einem Hotel arbeiten zu können. Die Auswertung des Kollektivs bestehend aus TeilnehmerInnen mit einem anderen Handicap ergab vergleichbare Ergebnisse.


Ist es wichtig, Geld zu verdienen?

Ein wichtiger Fragenkomplex ging rund um das Thema "Geld verdienen". Eine Vorstellung vom Begriff des "Geldverdienens" haben nahezu alle TeilnehmerInnen der Studie. Die große Mehrheit aller drei Kollektive (mit Down-Syndrom, mit einer anderen Behinderung und ohne Handicap) beantworten die Fragen "Möchtest du Geld verdienen" und "Ist es wichtig, Geld zu verdienen?" mit "Ja". Auch der Zusammenhang von Arbeit und Geld verdienen wird von den meisten Befragten ganz klar erkannt.


Ich bin reich

Die Frage nach der Höhe des erhaltenen Gehalts macht jedoch deutlich, dass viele Menschen mit Down-Syndrom keine differenzierte Vorstellung vom "Wert" des Geldes zu haben scheinen, tatsächliche Zahlen scheinen ein abstrakter Begriff zu sein. Die Antworten auf die Frage nach der Höhe des Verdienstes lauten beispielsweise: "viel", "viel Mark", "20 Mio und noch mehr", "ich bin reich", "pro Tag 40 Stück Geld" und Ähnliches. 5 Befragte geben an, nicht zu wissen wie viel Geld sie verdienen und 4 beantworten die Frage nur mit "Ja". Nur 12 Berufstätige in beschützten Werkstätten geben ein konkretes Gehalt an, das zwischen € 50 und € 250 / Monat liegt. Auffällig ist, dass all jene StudienteilnehmerInnen, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten eine genaue Angabe zu ihrem Verdienst machen. Die Gehälter liegen zwischen € 450 und € 550 und damit wesentlich höher als in den Werkstätten. Der junge Mann mit Down-Syndrom, der neben seiner Werkstatttätigkeit noch als Künstler tätig ist und Filme dreht, antwortet auf die Frage nach seinem Gehalt: "Mal mehr, mal weniger".


Verdienst du genug Geld?

Ähnliche Beobachtungen beschreiben Hinz und Boban in ihrem Buch "Integrative Berufsvorbereitung": "Während der Verdienst bei der Werkstatt-Gruppe unter € 100 beginnt und bei unter € 500 endet, beginnt er bei der Assistenz-Gruppe (unterstützte Berufsvorbereitung auf dem allg. Arbeitsmarkt, Anm. der Autorin) unter € 250 und reicht bei 15 % der Teilnehmer bis über € 750. Auch wenn kein Zweifel darüber bestehen dürfte, dass der Bedarf des täglichen Lebens auch mit den höheren Verdiensten der Assistenz-Gruppe nicht vollständig zu bestreiten ist und die Abhängigkeit von Leistungen der Sozialhilfe weiter besteht, so ist dieses Ergebnis ein dramatisches. Auffällig ist darüber hinaus, dass ein Drittel der Werkstatt-Gruppe keine Angaben über ihr Einkommen macht, der größte Teil weiß nicht, wie viel Geld er verdient". Hinsichtlich der Zufriedenheit mit dem Verdienst kamen Hinz und Boban zu folgendem Ergebnis: "Während zwei Drittel der Assistenz-Gruppe mit ihrem Verdienst zufrieden ist, ist es bei der Werkstatt-Gruppe knapp die Hälfte. Dagegen ist ein Drittel der Werkstatt-Gruppe und ein Sechstel der Assistenz-Gruppe unzufrieden. Ein gewisser Anteil der Werksatt-Gruppe ist offenbar mit dem Verdienst zufrieden, obwohl er ihn nicht kennt". Die Studie der Redaktion Ohrenkuss zeigt ein ganz ähnliches Resultat: Knapp zwei Drittel der Werkstattberufstätigen sind demnach mit ihrem Verdienst unzufrieden, während die Befragten aus dem allgemeinen Arbeitsmarkt die Frage: "Verdienst du genug Geld?" durchweg bejahten. Einige Befragte aus den Werkstätten äußern Zufriedenheit mit dem Verdienst ohne diesen zu kennen bzw. eine reale Angabe darüber machen zu können.


Hast du ein eigenes Konto?

Was ist nun die Ursache für das mangelnde Wissen vieler Erwachsener mit Down-Syndrom über den "Wert" des Geldes bzw. für das Unvermögen einer realistischen Einschätzung der eigenen finanziellen Situation? Liegt es am veränderten Vorstellungsvermögen der Frauen und Männer oder am mangelnden Umgang und Zugang zum Thema Geld? Dies wäre sicher ein lohnendes Thema für eine neue Studie. Auf der Suche nach möglichen Antworten war die Auswertung der Fragen nach einem eigenen Konto, der Wohnsituation der Befragten, sowie ein Vergleich der drei Kollektive sehr hilfreich. Während drei Viertel der StudienteilnehmerInnen mit Down-Syndrom zu Hause bei Familienangehörigen wohnen, tun dies nur ein Drittel der Befragten mit einem anderen Handicap, der größte Teil von ihnen lebt in Wohngruppen oder Wohngemeinschaften. Ähnlich sieht es mit dem Vorhandensein eines eigenen Kontos aus: Weniger als die Hälfte der TeilnehmerInnen mit DS (21) geben an, ein eigenes Konto zu haben, während 28 von 33 Befragten mit einem anderen Handicap ein eigenes Konto besitzen. Aus der Kontrollgruppe (34 TeilnehmerInnen ohne Handicap) haben bis auf zwei SchülerInnen alle Befragten ein eigenes Konto. Der Schritt in eine den Fähigkeiten angemessene (betreute) Selbstständigkeit schult sicher unter anderem den Umgang und Zugang zum Thema Geld, wobei die allermeisten Menschen mit einem Handicap in unserer Gesellschaft gar nicht die Möglichkeit haben, auch nur annähernd ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Dies erklärt auch das widersprüchliche Ergebnis der Auswertung der Frage: "Hast du genug Geld zum Ausgeben?" im Vergleich zu der Frage: "Verdienst du genug Geld?". Während sich wie oben beschrieben zwei Drittel der Werkstatttätigen unzufrieden zu ihrem Verdienst äußern, geben ebenfalls zwei Drittel an, genug Geld zum Ausgeben zu haben. Hinweise auf eine Erklärung dieses scheinbaren Widerspruchs geben die schriftlichen Kommentare zweier Werkstatttätiger: Eine junge Frau schreibt, dass sie zum eigenen Verdienst noch Geld von den Eltern erhält. Ein fast 30 jähriger Mann schreibt auf die Frage nach einem eigenen Konto: "Ja, Mama hat was". Das Gehalt (vor allem in den Werkstätten) wird als Taschengeld empfunden, was sich auch in der Auswertung der Frage: "Was machst du mit deinem Geld?" widerspiegelt, auf die die TeilnehmerInnen mit Down-Syndrom überwiegend Sachen anführten wie: "Eis, Gummibärchen, Kino, Kassetten, Sparen etc.", während die Befragten des Kontrollkollektivs fast immer Dinge wie: "Miete, Essen, Kleidung, Reisen etc." angaben. Eltern von Menschen mit geistiger Behinderung sind meist gezwungen, auch im Erwachsenenalter der Kinder die finanzielle Fürsorge weiter zu übernehmen, wodurch es den Menschen mit Handicap erschwert wird, der "Kinderrolle" auch in dieser Hinsicht zu entwachsen.


Ich würde gerne im Büro arbeiten, weil es etwas anspruchsvoller ist

Für die RedakteurInnen von Ohrenkuss (von denen auch einige in verschiedenen Werkstätten für Behinderte arbeiten), die sich in ihrer Freizeit zur Redaktionsarbeit treffen und hier ein ganz neues Berufsfeld kennen lernen, war auch die Frage nach dem Traumberuf sehr interessant:

Von den 25 ArbeitnehmerInnen mit Down-Syndrom, die in Werkstätten für Behinderte arbeiten, geben knapp zwei Drittel (15) eine andere Beschäftigung als Traumberuf an, während dies nur zwei der 11 Azubis bzw. Berufstätigen des allgemeinen Arbeitsmarktes tun. Überwiegend äußern sich die Beschäftigten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt sehr zufrieden mit ihrem Job, bzw. geben eben diesen als Traumjob an, von verschiedenen Veränderungswünschen abgesehen. Bemerkenswert ist, dass nur sehr wenige Befragte Traumberufe angeben, die realistisch gesehen vielleicht außerhalb ihrer Fähigkeiten liegen (z.B. "Anwalt" oder "Polizistin"), die meisten Frauen und Männer mit Down-Syndrom äußern Berufswünsche, die durchaus im Rahmen ihrer Möglichkeiten liegen. Ein Teil der TeilnehmerInnen wünscht sich ein ganz anderes Arbeitsfeld als das, in dem sie tätig sind: Ein Mann, der in einer Werksatt Bodenmatten verpackt, würde gerne in einer Brauerei arbeiten und schreibt: "wenn ein Fest ist, kann ich anzapfen und so", ein anderer, der Steckdosen montiert würde lieber mit Pferden umgehen ("es macht Spaß mit den Pferden, ich mache therapeutisches Reiten"). Eine Frau, die in einer Werkstatt Schläuche schneidet, würde gerne "Wäsche waschen", eine andere schreibt: "ich würde gerne im Büro arbeiten, weil es etwas anspruchsvoller ist". Ähnliche Ergebnisse zeigt die Auswertung des Kollektivs mit TeilnehmerInnen mit einem anderen Handicap: 13 ArbeitnehmerInnen aus beschützten Werkstätten (von 25) äußern einen Traumberuf in einem anderen Arbeitsbereich, wobei einige Frauen, die im technischen Bereich arbeiten, lieber "Bäckerin", "Köchin", "Sekretärin" wären, während vier Männer, die alle in einer beschützten Einrichtung in der Landwirtschaft arbeiten, offensichtlich lieber in einem technischen Bereich arbeiten würden ("Lokführer, "Feuerwehrmann", "Kapitän auf Passagierschiff", "Busfahrer"). Eine weitere Gruppe von Befragten mit Down-Syndrom sieht ihren Traumberuf im künstlerischen Bereich. Von Musik ("möchte eigene Rockband, damit ich endlich mal zu mir komme") über Malerei bis zur Schauspielkunst ("Theater spielen, weil ich gerne was spiele, Texte lerne und tanze"). Auch die 10 SchülerInnen dieses Kollektivs äußern z.T. konkrete Traumberufe, z.T. haben sie noch keine genauen Berufsvorstellungen, wie das im Schulalter allgemein üblich ist. Utopische Vorstellungen fehlen völlig, die Frauen und Männer mit Down-Syndrom scheinen sich selbst und ihre Fähigkeiten sehr gut einschätzen zu können. Interessant ist der Vergleich zum Kontrollkollektiv (Menschen ohne Handicap), welches überwiegend aus Befragten mit einem sehr hohen Ausbildungsniveau besteht (akademische Ausbildung). Fast alle TeilnehmerInnen ohne Handicap geben an, ihren Traumberuf auszuüben, bzw. darauf hin zu arbeiten (StudentInnen) oder sich zumindest keinen anderen Beruf mit einer größeren Zufriedenheit vorstellen zu können.


Arbeiten macht Riesenspaß

Bei den vielleicht wichtigsten Fragen der Ohrenkuss-Studie: "Macht dir die Arbeit auch mal Spaß?" und "Ist die Arbeit wichtig für dich?" herrscht große Übereinstimmung zwischen den drei Kollektiven. Nahezu alle 102 StudienteilnehmerInnen, ob mit oder ohne Handicap antworten mit "ja", "sehr oft" oder "immer". Die Begründungen für die Wichtigkeit von Arbeit der Befragten mit Down-Syndrom sprechen für sich: "Habe nette Kolleginnen", "Geld verdienen ist wichtig für mich", "Arbeiten macht Riesenspaß", "...wichtig, weil ich ja auch etwas leisten kann".


Arbeit füllt mein Leben aus, Arbeit bringt mir Anerkennung.

Die Studie des Magazins Ohrenkuss zeigt, dass die Arbeit einen sehr wichtigen Anteil an der Lebenszufriedenheit der Menschen während eines langen Lebensabschnitts hat, ob sie nun ein Handicap haben oder nicht. Menschen mit Down-Syndrom arbeiten heute immer noch hauptsächlich in beschützten Werkstätten (wie viele andere behinderte Menschen auch) und gehen einer Tätigkeit nach, die häufig nicht ihren Fähigkeiten und Neigungen entspricht. Als "ExpertInnen für ihre eigene Situation" (Hinz u. Boban, 2001, S.12) können sie sich oft selbst gut einschätzen und hätten, mit entsprechender Unterstützung, die Möglichkeit, eine ihren Fähigkeiten und Talenten angemessene Tätigkeit auszuüben. Dies zeigt auch die Arbeitssituation der wenigen StudienteilnehmerInnen, die eine Ausbildung bzw. Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausüben. Mit mehr unterstützenden Maßnahmen wie die der Hamburger Arbeitsassistenz (siehe Kasten) könnte die wünschenswerte Integration von ArbeitnehmerInnen mit geistiger Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt vorangetrieben werden. Zusammen mit einer angemessenen Bezahlung würde den Betroffenen der Schritt in eine größt mögliche Unabhängigkeit erleichtert, ihren Familien ein Teil der Fürsorgepflicht abgenommen und sie könnten als erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung in unserer Gesellschaft ein Stück mehr dazugehören.


Andreas Hinz und Ines Boban liefern mit ihrem Buch "Integrative Berufsvorbereitung: Unterstütztes Arbeitstraining für Menschen mit Behinderung" (Luchterhand, 2001) die umfassende Beschreibung einer externen Evaluation zweier Maßnahmen, die von der Hamburger Arbeitsassistenz durchgeführt werden. Sowohl beim Ambulanten Arbeitstraining als auch beim Integrationspraktikum erfolgt die Qualifizierung behinderter Menschen in der betrieblichen Situation auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt mit Hilfe von ArbeitsassistentInnen ("erst platzieren, dann qualifizieren"). Diese sogenannte "Assistenz-Gruppe" wird mit einer "Werkstatt-Gruppe" (Teilnehmer durchlaufen ein Arbeitstraining in verschiedenen Hamburger Werkstätten für Behinderte) verglichen. Die eingehende Darstellung und Bewertung der Ergebnisse erfolgt mittels Befragung aller an den Maßnahmen beteiligten Personen (Vorgesetzte, ArbeitsassistentInnen, BerufsschulehrerInnen etc.). Im Vordergrund steht hier die intensive Befragung der TeilnehmerInnen selbst : "Die Aussagen derer, für die diese Maßnahmen angeboten werden, sind ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Datum."

Im letzten Kapitel erfolgt eine Gesamtbetrachtung der Untersuchungsergebnisse. Obwohl bei beiden Gruppen (Werkstatt und Arbeitsassistenz) die Zufriedenheit recht hoch ist, wollen 41% der Befragten aus der Werkstatt-Gruppe diese irgendwann verlassen, um "draußen" auf dem ersten Arbeitsmarkt zu arbeiten, während sich nur eine Teilnehmerin der Assistenz-Gruppe überhaupt vorstellen kann, in die Werkstatt zurückzukehren.

Insgesamt werden die beiden Maßnahmen der Hamburger Arbeitsassistenz sehr positiv bewertet, zumal es bei über 50% der TeilnehmerInnen gelingt, das Ambulante Arbeitstraining und das Integrationspraktikum in ein tarifentlohntes, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zu überführen.


A
A

Gesamt-Studie - Studie zur Arbeit - Studie zum Geld - Der Fragebogen
A
A
Startseite Informationen Projekte Impressum Links
A