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Navigation: Startseite > Projekte > Pressespiegel > "Nur das Wichtige bleibt im Kopf" Artikel |
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| GENERAL ANZEIGER 26/27. Juni 2004. Von Sandra Kreuer. Fotos: Frank Hohmann. Nur das Wichtige bleibt im Kopf Das Bonner Lifestyle-Magazin "Ohrenkuss" wird von Menschen mit Dort, wo auch die Geschichte von Angela I und II, Björn, Julia, Susanne, Marc, Antonio, Michael, Karoline, Gertrudis und Tobias mit dem Eintritt in die "Ohrenkuss"-Redaktion irgendwann ab dem Jahr 1998 beginnt. Eine Geschichte des möglichen Unmöglichen, eine, die es eigentlich gar nicht gibt. Denn laut wissenschaftlichen Erkenntnissen dürften Svenja und ihre Kollegen weder lesen noch schreiben können. Sie alle wurden mit dem so genannten Down-Syndrom geboren, das eine Lernbehinderung einschließt. Statt 46 Chromosomen in jeder Körperzelle verfügen die "Ohrenkuss"-Redakteure über 47. Das Chromosom 21 ist bei ihnen dreimal vorhanden, woher sich die Bezeichnung "Trisomie 21" ableitet. Ein Magazin zu machen, das von eigenen Fotos und selbst geschriebenen oder diktierten Texten lebt, die bewusst unkorrigiert abgedruckt werden, sei genau das "Metier, das man ihnen nicht zutraut. Das sprengt ja das Hirn der meisten Leute." Sagt Katja de Bragança.
Die Gelegenheit, genau das zu beweisen, bekam Katja de Bragança 1998, als das Medizinhistorische Institut in der Universität Bonn den Zuschlag für ein Forschungsvorhaben der Volkswagenstiftung erhielt. Der Inhalt: Wie erleben Menschen mit Down-Syndrom die Welt, und wie sieht die Welt Menschen mit Down-Syndrom? Und weil eine eigene Zeitung am besten die Realität abbilden kann, war das Projekt "Ohrenkuss" geboren. "Ganz am Anfang haben wir einen Aushang gemacht", erinnert sich de Bragança. So fanden sich im Laufe der Zeit beispielsweise verschiedene Mitglieder aus einer Freizeitgruppe geistig behinderter Menschen mit Schülern der integrativen Gruppe der Gesamtschule Beuel und der Robert-Wetzlar-Schule zusammen. Geplant waren für das Magazin ursprünglich nur vier Ausgaben, zwölf sind es mittlerweile. Daneben ist die einstige Auflage von 150 Exemplaren auf 3000 Stück gestiegen und läuft die Finanzierung mittlerweile über Abonnements unter dem Dach der Downtown - Werkstatt für Kultur und Wissenschaft. Geschrieben hat das Redaktionsteam, das auch ein Netz von 25 bis 30 Fernkorrespondenten unterhält, über so unterschiedliche Themen wie Liebe, Arbeit, Musik, Frau und Mann, Lesen und Nacht. Gerade erschienen ist das Heft Tiere, und das nächste wartet schon. Es ist Dienstag, Redaktionstag. Während nach und nach die Redaktionsmitglieder in ihrem Büro eintrudeln, verteilen Marc und Björn noch schnell Gläser und Sprudelflaschen. Angela Fritzen, die von allen Angela I genannt wird, weil sie von Anfang an bei "Ohrenkuss" mitmischt, erzählt von ihrem anstehenden Urlaub in Österreich, Namensvetterin Angela Baltzer - Angela II - von ihrem bevorstehenden Geburtstag. Immer wieder klingelt es an der Tür. "Ich steh' jetzt nicht auf, keine Lust", verkündet Angela II. Katja de Bragança wirft währenddessen noch einen Blick auf den Computer. Dann, punkt 17.30 Uhr, geht es los - mit Manöverkritik. Es geht um die Lesungen, die die "Ohrenkuss"-Redakteure überall in Deutschland halten. "Wenn wir eine Lesung machen, geht es mit euch durch. Das müssen wir noch üben. Ihr müsst lernen, das zu erzählen, was wirklich interessant ist, und nicht, wie alt eure Mamas und Papas sind", sagt sie. De Bragança spielt auf das Lesetraining mit der Schauspielerin Gaby Pochert an, das von einigen nicht regelmäßig besucht wird. "Es ist einfach so, es gibt Leute, die können nicht superdeutlich lesen", wirbt sie. "Jeder von euch verbessert sich. Als du, Svenja, bei der Gaby warst, hast du lebendig vorgelesen. Das ist cooler". "Cool" ist de Braganças Lieblingswort, das besonders gut zum neu anvisierten Thema passt. "M, O, D, E", buchstabiert Angela Fritzen laut die schwarzen Schriftzeichen, die auf einem ansonsten noch weißen Block stehen: "Mode". "So heißt unser nächstes Heft, das im Herbst herauskommt", sagt de Bragança. Das Sammeln von Ideen, das am Anfang jeden neuen Themas steht, beginnt. Angela II tippt mit verschwörerischer Miene auf das Heft ihres Freundes Björn, der aus einer Modezeitschrift schon einige Kleidungsstücke mit ihrem Preis zusammengetragen hat. Doch Susanne, die neben ihm sitzt, ist schneller. "Hemden, Pullover, Skiunterwäsche, Kniestrümpfe, Leggings", diktiert sie. "Schöner Rock, Sommerrock", fällt Marc ein. "Petticoat", sagt Svenja plötzlich. "Svenja, wo hast du das her?", hakt de Bragança nach. "Dirty Dancing. Ich werde den nachher noch sehen. Ich kann etwas über den Film schreiben. Ich werde auch ein bisschen abrocken können", antwortet sie. "Cool." Für das Thema "Glücksdrogen im Test" fuhr das Team nach Hamburg, besuchte das Gewürzmuseum in der Speicherstadt und lernte nebenbei am Bahnhof den Umgang mit Schließfächern. Auch die Interview-Partner können sich sehen lassen: Die Pop-Band "Die Prinzen", Satiriker Wiglaf Droste und Schauspieler Bobby Brederlow, der mittlerweile selbst für das Magazin schreibt. Neben den Texten kommt es de Bragança auf das Layout mit Lifestyle-Flair und attraktiven Fotos an.
Pläne haben die Ohrenkussler genug. Sie wollen ein zweisprachiges Heft herausgeben, wofür sie den Ideenpreis der Körber-Stiftung gewonnen haben, und wollen über kurz oder lang von Friesdorf weg in die Innenstadt ziehen. Am liebsten rund um den Hofgarten, von wo aus es nicht weit bis zum Bahnhof ist und "wo wir die nächsten 20 Jahre bleiben können". Schließlich überdauert gemäß dem Redaktionsmotto nur das Wesentliche. De Bragança: "Nur das wirklich Wichtige bleibt im Kopf - und das ist dann ein Ohrenkuss." ©General-Anzeiger Bonn |
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