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Navigation: Startseite > Projekte > Pressespiegel > "Die Menschen mit dem einen Chromosom zuviel" Artikel |
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| KÖLNER STADT-ANZEIGER, Rhein-Sieg Kreis, Ostern 1999, Von Eva-Maria Schirge. Eindeutig down aber von den Musen geküsst. Eine Gruppe Behinderter gibt in Bonn ein besonders phantasievolles Magazin heraus: "Ohrenkuss ... da rein, da raus" Bonn Schokolade. Was fällt mir ein zu Schokolade" Wie richt sie, schmeckt sie, sieht sie aus" Angela Fritzen, Karoline Spielberg, Michael Häger, Svenja Giesler, Gertrudis Zimmermann und Marc Lohmann lassen ihre Gedanken fliegen. Hin zur Geburtstagsschokotorte und süßen Ostereiern, zum schokoladenverschmierten Mund und ins Kölner Schokomuseum, das sie jüngst besichtigt hatten. Sie, das sind die Redakteurinnen und Redakteure des Magazins "Ohrenkuss... da rein, da raus"; sie, das sind 18- bis 30jährige Bonnerinnen und Bonner mit Down-Syndrom, Frauen und Männer, die kommunizieren wollen uns sich dafür auch der schwierigen Aufgabe des Schreibens stellen. Schokolade schmeckt wunderbar, traumhaft, lecker, genial konzentriert schreiben die sechs auf, was sie fühlen. Einige in ganzen Sätzen, andere sagen den beiden "Sekretärinnen", Katja de Braganca und Brigit Mosimann, was sie denken, lassen es vorschreiben, um dann die eigenen Worte abzuschreiben. Anfangs hätten sie fast alle nur diktiert, aber "nach und nach werden sie immer selbständiger" sagt die Biologin de Braganca gleichsam als Begründung für das von ihr initiierte und von der Volkswagenstiftung finanzierte Forschungsprojekt am Bonner Medizinhistorischen Institut, das nun schon ein Jahr läuft: "Mit spezieller Förderung können Menschen mit Down-Syndrom unglaublich viel erreichen sogar eine eigene Zeitung herausgeben." Und das erste Ergebnis gibt der Frau bereits uneingeschränkt recht. Liebe ist das große Thema der Ohrenkuss-Ausgabe Nummer eins. "Liebe ich brauche Leben Schau mich an Hochzeitsnacht Standesamt Mein Herzblatt Herzblatt Liebe Eine nette Frau Mann und Frau Ich brauche Dich Hochzeitspferd eine nette Frau zieht sich das Kleid an", schreibt Michael über seine Träume. Und Gertudis: "Liebe ist wie Flötenmusik...wie eine Sonnenblume...wie ein Kuschelbär...ein Hüpftanz...eine Trommel...wie die Farbe grün...die Sterne und der Mond...Regenwetter." Für Svenja ist es Liebe, wenn es "aus dem Herzen kommt die Wärme man ist verliebt man weiß genau, dass man den Richtigen hat". Überhaupt Svenja: "Ich bin der Star", behauptet sie und wirft ihr langes blondes Haar in den Nacken keiner protestiert, die anderen gönnen es ihr. Schließlich ist von der 18jährigen schon ein Buch ("Sehnsucht in mir") erschienen. "Oft sehen wir uns aber unsere Eltern wollen es nicht oft gestehen wir uns die Liebe aber unsere Eltern verbieten den Kontakt oft liegen wir halbnackt im Bett aber unsere Eltern wollen nicht verstehen", schreibt sie da. Svenja möchte nicht gern über Down-Syndrom und Behinderte reden, schon gar nicht darüber "wie wir aussehen". "Es gibt Leute, die mich wegen meines Gesichts ärgern, das kränkt mich", sagt sie. Das Aussehen findet sie eigentlich egal, "es ist wichtig, dass man auf den Punkt kommt", sagt sie und möchte noch mehr schreiben gegen Gewalt, für die Liebe, "Tiere in Not nicht zu vergessen". Den Titel für ein neues Buch habe sie schon im Kopf, "aber es soll noch ein bisschen geheim bleiben." Schokolade ist süß und meist braun, hart und schmilzt auf der Zunge das nächste Ohrenkuss-Heft erschein zum Thema Essen. Alle zwei Wochen, Donnerstags abends, treffen sich die Autoren in den Räumen des Behindertenreferates im Diakonischen Werk an der Kaiserstraße, manchmal gehen sie auch auf Exkursion. Nicht nur ins Schokoladenmuseum oder in die Pizzeria, in der Marc schon mal ein Praktikum gemacht hat, sondern fahren auch nach Essen, in die Stadt mit dem für ihr neues Heft bedeutungsträchtigen Namen, die auch noch Karolines Geburtsstadt ist. Es wird also in ihrer Zeitung nicht nur um eines der liebsten Dinge der Redakteure den kulinarischen Genuß gehen. Beschäftigen werden sie sich auch mit Übergewicht, Diät, Verzicht... Schnell, als täte sie etwas nicht rechtes, verputzt Gertrudis noch den Rest vom selbstbereiteten Abendessen, dem Nudelauflauf, aus der Schüssel. Die anderen lassen sie gewähren, auch die sportbegeistert Angela, die "auf Diät" ist. Überhaupt gehen die Frauen und Männer sehr tolerant miteinander um: Wer schneller ist beim Schreiben, murrt nicht, sondern wartet geduldig, bis die anderen auch fertig sind; wer fließend sprechen kann, unterbricht nicht die anderen, die Mühe beim Artikulieren haben. Sie mögen sich, sie necken sich, sie lachen viel eine positive Stimmung, die man einfach spürt, wenn man ihre Zeitschrift liest. Und sie sind wißbegierig. Aufmerksam verfolgen sie beim Besuch in unserer Redaktion die Arbeit am Computer, fragen die Mitarbeiter nach ihren Aufgaben aus, nehmen am Ende einen selbstverfassten Artikel im Stadt-Anzeiger-Layout mit nach Hause. Das Layout ihrer eigenen Zeitschrift liegt in den Händen der Bonner Grafikerin Maya Hässig. Es lebt von eindrucksvollen großformatigen Schwarz-weiß-Fotos von Olaf Schlote (Bremen) und klarer Textanordnung, so daß der "Ohrenkuss" schließlich eine Zeitung wurde, die die Sinne anspricht behutsam und einfühlsam. Liebevoll und offen. Nach der Ausgabe über das Essen sollen noch zwei weitere Magazine zu Themen, die die Autoren schwer beschäftigen, herausgebracht werden: "Akte X, das Geheimnisvolle" (sie werden sich ihre Chromosomen unter dem Mikroskop betrachten) und Afrika, Heimat, Fernweh, Reisen eine Sonderausgabe für die EXPO 2000. |
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