![]() |
| A A |
||||||||||
| Startseite | Informationen | Projekte | Kontakt | Links | ||||||
| A |
| A A |
Navigation: Startseite > Projekte > Pressespiegel > "Einblicke in eine andere Welt" Artikel |
|
| Südwest Presse 11. November 2003. Von Nicole Reuss. Einblicke in eine andere Welt Sie sind anders und das wollen sie auch zeigen: Menschen mit Down-Syndrom. Zwei Mal im Jahr erscheint ihr Magazin "Ohrenkuss". In Gedichten und kurzen Geschichten geben die Redakteure Einblicke in ihr Gefühlsleben. In Neu-Ulm haben sie eine Lesung gehalten. ![]() Foto: Volkmar Könneke Michael Häger hat von vielem etwas mehr als andere Menschen. Ein zusätzliches Chromosom, zum Beispiel - das Down-Syndrom. Er bekommt mehr Aufmerksamkeit. Weil er anders aussieht, sagt er. Wie anders, kann der 31-Jährige nicht erklären. Und er hat mehr Jobs: Häger verpackt im normalen Leben Katzenfutter, ist aber auch Journalist. Er arbeitet bei "Ohrenkuss", Deutschlands erster bundesweit erscheinender Zeitschrift, die fast ausschließlich von Menschen mit Down-Syndrom gestaltet wird. Unentwegt dreht der Mann aus Heimerzheim (Nordrhein-Westfalen) seine Strickmütze in Händen. Lampenfieber. In einer Stunde wird er mit fünf Bonner Redaktions-Kollegen in Neu-Ulm eine Lesung halten. Jetzt würde er lieber Basketball spielen oder Trampolin springen. Das geht ihm jedes Mal so. Trotz Lesetraining, das die Redakteure von einer "echten" Schauspielerin bekommen. Gekniffen hat Häger aber noch nie, nicht in Berlin, nicht in Marburg und ganz bestimmt auch nicht heute, in Neu-Ulm. Immerhin verdankt ihm das meist 30 Seiten starke "Ohrenkuss"-Magazin, das zwei Mal im Jahr erscheint, praktisch seinen Namen. Vor fünf Jahren schmatzte Häger sanft auf das Ohr von Magazin-Projektleiterin Katja de Braganca, mitten in der Redaktionskonferenz. Da war der Name gefunden. Genau genommen heißt das Heft, das in 5000er-Auflage erscheint, aber "Ohrenkuss. . .da rein, da raus". Der Mann aus Heimerzheim deutet auf seine eigenen Ohren, um den Zusatz im Titel zu erklären: "Alles geht da rein und da wieder raus, nur das Wichtigste bleibt im Kopf." Das Wichtigste, erklärt die geküsste Humangenetikerin Katja de Braganca, soll auch in den querformatigen Din-A4-Hochglanzheften stehen. Rund 50 Menschen mit dem Down-Syndrom aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geben durch ihre Texte Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Eine Welt, die anders sei. Ehrlicher, meint de Braganca. Die Redakteure schreiben mit der Hand, tippen in den Computer, manche schicken ihre Geschichten per E-Mail, andere diktieren ihre Gedanken. "Zensiert oder korrigiert wird nichts", sagt de Braganca von der "Down-town-Werkstatt für Kultur und Wissenschaft", die das Projekt initiiert hat. Anfang Dezember kommt nun das elfte Magazin heraus, nach Themen wie "Arbeit", "Glücksdrogen im Test", "Musik", "Frau und Mann" dreht sich dieses Mal alles ums "Lesen". Was lesen wir gerne? Was bedeutet es, sich als Mensch mit Down-Syndrom schriftlich artikulieren zu können? Fragen, mit denen sich die zehnköpfige Stammredaktion, die sich jeden zweiten Donnerstag in Bonn-Friesdorf trifft, über Monate hinweg beschäftigt hat. Das Thema berührt nicht nur das Selbstverständnis der Redakteure, es soll auch mit Vorurteilen aufräumen. Schlechte Aufklärung Vor einigen Jahren hat de Braganca mitbekommen, wie ein Arzt junge Eltern darüber aufklärte, dass ihr Sohn das Down-Syndrom habe. "Ihr Kind wird niemals das Wort WC lesen können." - Ein Satz, den die 44-Jährige nicht vergessen kann. "Die meisten denken tatsächlich, dass Menschen mit dem Down-Syndrom nicht lesen oder gar schreiben könnten." 30 Minuten vor dem Auftritt: Michael Häger geht mit seinen Kollegen noch einmal an die frische Luft. Antonio Nodal (29) ist inzwischen so nervös, dass er die Bühne erst gar nicht betreten möchte. Angela Fritzen dagegen beißt herzhaft in ein Käsebrötchen. Die 29-Jährige schreibt gerne. Viel lieber, als im Altenheim Spülmaschinen auszuräumen und die Tische zu decken. Außerdem liest sie gerne und hasst es, wenn die Menschen sie auf der Straße anstarren. "Ich lebe sehr gerne auch mit Down Syndrom 21 zu haben" heißt dann auch einer ihrer Beiträge, den sie vor rund 80 Zuhörern selbstbewusst vorträgt: "Ich bin die einzige in der Familie, die das Down-Syndrom hat - nicht meine Schwestern und meine Eltern auch nicht. / In meinem Ausweis steht drin, dass ich schwerbehindert bin. Es gibt Menschen mit anderen Behinderungen, andere kriegen Anfälle - das ist auch schwer." Auch die anderen haben sich wacker geschlagen: Michael Häger hat seine Gedanken zu Drogen ("Das ist nicht gut") vorgelesen und zum Eisessen im Bett. Und Antonio Nodal hat die Bühne nicht nur betreten, sondern auch eine eigene Geschichte vorgelesen. Als der Beifall am Ende verklingt, fordert Angela Fritzen das Publikum per Handzeichen zum Weiterklatschen auf. Heute lässt sie sich gerne Anstarren. |
||
| zum Pressespiegel |
| A A |
||||||||||
| Startseite | Informationen | Projekte | Impressum | Links | ||||||
| A |