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STUTTGARTER ZEITUNG, Wochenendbeilage "Moderne Zeiten", 12. Februar 2000, Von Barbara Frandsen


Eine Zeitschrift, gemacht von Menschen mit Downsyndrom, schreibt gegen Vorurteile an

Vorurteile wiegen schwer, machen Menschen das Leben zur Hölle. Und wie der Artist in der Zirkuskuppel die Balance verliert, wenn er plötzlich nicht mehr an sich glaubt, so können Menschen ihre Anlagen nicht entwickeln, deren Selbstzweifel ständig von der Gesellschaft bestätigt werden. Mit dieser Art Ausgrenzung müssen Menschen mit Downsyndrom, jener genetischen Störung, die zur Verdreifachung des kleinen Chromosoms Nummer 21 führt, täglich fertig werden. In Bonn versucht eine kleine Gruppe, das allgemeine Bild von diesen Benachteiligten zu korrigieren. Jetzt gab es erste Erfolge: Das Magazin "0hrenkuss - da rein da raus" erhielt aus der Hand von Rita Süssmuth in Berlin den Preis "Demokratie leben". Es ist das einzige überregionale Magazin, das Menschen mit Downsyndrom herausgeben. Das Blatt erscheint inzwischen auch im lnternet (www.ohrenkuss.de).

Dreizehn junge Männer und Frauen schreiben für "0hrenkuss" Gedichte und Reportagen, sie malen Bilder, machen lnterviews oder berichten über Gefühle. Etwa der neunzehnjährige Marc Lohmann, dem man die Behinderung kaum ansieht. Er hat ein eigenes zartes Erlebnis in einen Liebesroman einfließen lassen. "Anne denkt sich, Olaf ist ein Schmeichler, er weiß wirklich, wie er eine Frau verführen kann. Und dann ging es los, über Liebe. Wir gucken uns in die Augen, tief in die Augen ... Händchenhalten, ganz langsam die Hände ... am Arm und Bauch streicheln... auf dem Rücken und am Bein, am Arsch streicheln und was spielen . . . ".

Marc alias Olaf ist von der Redaktionsarbeit fasziniert, endlich wird er ernst genommen. Wunderschöne Fotos und ein gekonntes Layout tragen eine professionelle Handschrift von Professionellen. "Die Mitglieder haben den Preis nicht bekommen, weil sie behindert sind", freut sich die Biologin Katja de Braganca, die das Redaktionsteam betreut. Das Team trifft sich alle zwei Wochen. Gemeinsam wird geplant, was ins Blatt soll. Alle in der Redaktion, auch die Korrespondenten, sind behindert. So auch Michaela Koenig aus Wien. Die Einundzwanzigjährige macht derzeit eine Ausbildung als Kindergärtnerin. Mit Begeisterung: "Die Kinder sind zum Drücken. Sie habe Downsyndrom und stehe dazu, schreibt Michaela im "Ohrenkuss".

Das Projekt "0hrenkuss" wird seit 1998 und noch einschließlich bis März 2000 von der Volkswagen-stiftung mit 320 000 Mark gefördert. Die Ausgaben haben jeweils ein Schwerpunktthema. Drei Magazine sind bereits erschienen, und zwar mit den Themen Liebe, Essen und Akte X. Die vierte Ausgabe, die rechtzeitig zur Expo in Hannover fertig sein soll, wird sich mit Fernweh und Reisen beschäftigen. Das Projekt ist Teil eines Forschungsvorhabens über Menschen mit Downsyndrom am Humangenetischen Institut der Universität Bonn. Es hat bereits bewiesen: Kunst ist auch für Gehandicapte eine Chance, Kompetenz zu beweisen. Es ermöglicht Mitarbeitern und Lesern, eigene Wege auf Grund guter Vorbilder zu gehen. So ist Michaela fasziniert von einer jungen Frau mit Glasknochen. "Sie kann sich auch durchsetzen... einfach wundervoll, wie sie ihr Leben anpackt", schreibt Michaela Koenig nach einer Begegnung mit dieser Frau.

Das "Ohrenkuss"-Team will seine Arbeit auch in einem Buch festhalten. Es soll eines Tages in jeder Bibliothek für Humangenetik stehen - und Vorurteile abbauen helfen, wie sich das Team es wünscht: "Wer in dem Buch nachschlägt, muss sofort sagen: Aha, das sind keine kleinen Monster, das sind Leute, die sehen spannend aus, die machen interessante Sachen, lesen, schreiben, rechnen am Computer." Das Buch soll Eltern Mut machen. Und es soll Lust wecken auf das Kennenlernen von Menschen mit Downsyndrom.
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