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| DUMMY Gesellschaftsmagazin, Ausgabe 3 "Spass" Sommer 2004 www.dummy-magazin.de
Im Jahr 1866 erschien in den Mitteilungen des London Hospitals ein Text des Arztes John Langdon Haydon Down, in dem er eine Gruppe von geistig Behinderten beschrieb. Er nannte sie "die große Mongolische Familie". Svenja Giesler sitzt am Tisch in der Redaktion. Sie ist bereit, ein Interview zu geben, aber vorher muss sie den Brief von gestern wegschicken an die Polizei. So steht es in ihrem Tagesplan. Svenja schreibt nicht nur im "Ohrenkuss", sie macht dort auch ein Praktikum. Vor ihr liegt ein Briefumschlag, auf den muss sie die Adresse schreiben und dann eine Briefmarke draufkleben. Sie nimmt einen Stift, legt sie ihn wieder hin, schließt die Augen und lächelt, nimmt ihn wieder und schreibt. Buchstabe für Buchstabe. Als sie fertig ist, sitzt sie eine Weile nur da und schaut. Dann flüstert sie etwas, und es durchzuckt sie, und sie greift zu der Mappe mit den Briefmarken, bevor sie wieder nur so da sitzt. Svenja ist 23 Jahre alt, sie hat blonde Haare und blaue Augen, und manchmal flüstert sie mit jemanden, aber sie sagt nicht mit wem. Sie wohnt bei ihren Eltern, sieht fern oder sitzt in ihrem Zimmer und schreibt. Dass sie das Down-Syndrom hat, merkt sie daran, dass sie langsam ist und herumgackert wie ein Brüllaffe und dass sie beim Sprechen stockt. Aber sie glaubt, dass man das Glück finden kann, wenn man die Augen schließt und an nichts denkt. Wenn sie viel Geld hätte, würde sie in der Arztserie "Stefan Frank" mitspielen. Und manchmal wünscht sie sich, dass Matthias Reim mit ihr Eis essen geht, ihr einen Handkuss gibt und sagt: "Ich finde Dich bezaubernd schön". Ihre Traumfrau ist knallhart wie Katy Karrenbauer aus dem Frauenknast "Hinter Gittern" bei RTL und ihr Traummann ist verführerisch wie Arnold Vosloo, der hat die Mumie gespielt im Kino. Das alles hat Svenja aufgeschrieben für "Ohrenkuss", aber am liebsten schreibt sie Gedichte. Eins heißt "Erste Liebe", und es geht so: Eine frau verliebt sich in einem Mann die beiden verlieben sich einander und zum ersten mal im Bett und machen coolen Sex im Bett Ein anderes heißt "Gypsy Girl", und es geht so: Du bist schön und bezaubernd zu gleich bist am Lagerfeuer zu sehen tanzt Du bis es morgen wird und Deine Haare glänzen so schön. Es dauert fast eine Stunde, bis Svenja den Brief fertig hat, dann steht sie auf und geht hinaus in den Garten, der in dem ruhigen Bonner Vorort liegt, und dort gibt sie das Interview. Wie bist Du zu "Ohrenkuss" gekommen? "Ich wurde eben entdeckt nämlich. Weil Gedichte, die auch noch schreibe. Und dann wurd' ich auch empfohlen." Worüber schreibst Du? "Ja, eher so über alles halt eben. Liebe gehört auch mit dazu und auch Gewalt." Schreibst Du Zuhause? "Ich sitze im Zimmer und schreibe auf einem aufklappbaren Sessel." Und Du fängst einfach an? "Ja so einfach ist das auch wieder nicht. Man braucht ja auch Konzentration, Zeit und so." Dann geht es von allein? "Es kommt schon auch raus. Aber Überlegungen muss man schon machen. Auf jeden Fall." Denkst Dir alles aus? "Gut, okay, also." (Lange Pause.) Guckst du Fernsehen dafür? "Ja, also, Moment mal, jetzt habe ich das wieder voll drauf. Also, es kommt darauf an, sag ich mal, es kommt darauf an nämlich, was ich so alles sehe. Das ist es nämlich genau. Was ich so alles sehe auch in der Öffentlichkeit und so." Man muss gar nicht träumen? "Also man braucht nicht immer mit offenen Augen zu träumen. Man kann, man muss nicht. Wenn ich jetzt eben in Gedanken bin, dann kommt's schon." Ist es etwas Besonderes, Gedichte zu schreiben? "Ich denke schon. Man muss eben auch zusehen, dass man. Ich bin eben auch begabt. Ich habe eben auch eine Begabung." Und wenn Du von Liebe schreibst, denkst Du dann an jemanden? "Also das muss ich jetzt nicht beantworten müssen." Dann ist das Interview zu Ende. Svenja schaut vor sich hin, streicht sie sich eine Strähne aus dem Gesicht und steht auf, um den Brief zur Post zu bringen. Will man die Welt in zwei Teile spalten, dann könnte einer davon der sinnliche sein und der andere der sachliche. Zum sinnlichen Teil gehört, was man sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen kann. Das andere gehört zum sachlichen Teil. Es sind die abstrakten Dinge. Dinge, die sich nur denken lassen. Das ist der Unterschied, an ihm entlang verläuft die Grenze. "Wenn man verstehen will, wie Menschen mit Down-Syndrom ihre Umwelt wahrnehmen, istz das der Schlüssel", sagt der Psychologe Joachim Kutscher von der Universität Hannover. Er beschäftigt sich seit 25 Jahren mit geistig Behinderten und manchmal ist deren Behinderung so stark, dass er Schwierigkeiten hat, zu ihnen vorzudringen. Bei Menschen mit Down-Syndrom ist das anders. "Es sind lebendige, neugierige Leute". Wenn sie auf die Welt kommen, sieht ihr Gehirn so aus wie das anderer Neugeborener. Es arbeitet nur nicht so. Ihm mangelt es an Stoffen, mit denen die Nervenzellen untereinander Kontakt halten. Botenstoffe, die Informationen weitergeben und Reaktionen einleiten. Aber nicht an allen Stoffen mangelt es ihm. Es fehlen nur die, die sachliche Informationen weiterleiten. Deshalb, sagt Kutscher, habe ein Mensch mit Down-Syndrom Probleme mit dem Rechnen, dem Planen, dem Denken. Weil all das nicht sinnlich ist. Und was nicht sinnlich ist, kann er es sich schlecht merken, sich schlecht vorstellen. Vergangenheit existiert für ihn vor allem, wenn er sie erfühlt hat. Zukunft, wenn er sie erfühlen kann. Sie mit einer Strategie zu planen, erscheint ihm fremd. Er erkennt Regelmäßigkeiten nur schwer. Für ihn scheint vieles immer wieder neu. Darum blickt er erwartungsvoll in die Welt. Er ist froh über alles, dass er fühlt. Das ist sein Talent. Dafür fehlen ihm keine Botenstoffe. Er ist ein Messfühler, und versucht sich im positiven Bereich aufzuhalten. Wenn sich ein Problem nicht emotional lösen lässt, äußert er den Ärger sofort und schleppt ihn nicht mit sich herum. Das ist sein Vorteil, das hat er anderen voraus. "Seine Welt ist extrem offen", sagt Kutscher, "er ist das Gegenstück zu einem Autisten". Ein Autist hat Angst vor Gefühlen und verriegelt sich hinter Sachlichkeit. Ein Mensch mit Down-Syndrom kann mit Sachlichkeit wenig anfangen. Er liebt Gefühle. Björn Langenfeld und Angela Baltzer stehen in einem Wohnheim in der Nähe von Bonn und bügeln ihre Wäsche. Sie waren gestern nicht beim "Ohrenkuss", sie waren beim Kegeln, alle beide. Sie machen fast immer alles gemeinsam. Sie sind nämlich ein Paar. Es war vor anderthalb Jahren, an einem Tag im September, Björn hatte Geburtstag, es war sein 27., und es gab eine Party. Es ist nicht ganz klar, ob Björn zu dem Zeitpunkt noch mit Steffi zusammen war. Ihren Ring trug er jedenfalls noch. Aber er hatte eben auch schon gemerkt, dass Angela eine sehr schöne Frau ist. Und sie hatte lange einen wie ihn gesucht. Sie haben getanzt und geknutscht und ein paar Tage später hat Björn Steffi den Ring zurückgeben. Seitdem liebt er Angela, und er sagt es ihr bei jeder Gelegenheit. "Danke, mein Schatz", sagt Angela. "Danke", sagt Björn. Die beiden sitzen jetzt auf einer Couch vor Angelas Zimmer, in dem heute Nacht auch Björn schlafen wird. Gestern nach dem Kegeln war er mit Freunden aus, er hat Bier getrunken und eine Schachtel Zigaretten geraucht. Das hätte er nicht gedurft, wenn Angela noch dabei gewesen wäre, aber sie war ja schon im Bett. Angela ist 24 und arbeitet in einem Altersheim. Björn ist Koch in einer Pension. Heute gab es Streit mit seinem Chef. Worum es ging, ist schwer zu verstehen, wenn Björn es erzählt. Aber Angela weiß, was er meint und übersetzt, was er sagt. Und weil Björn sich dabei am Fuß kratzt, schlägt sie ihm auf die Finger und sagt, er solle Socken anziehen. Björn steht auf, und als er wieder kommt, hat er welche an, mit dem Emblem von Borussia Dortmund drauf. Sie sind beide Fans. Angela hat die Wände ihres Zimmers ausschließlich in schwarzgelb gehalten. Nur die Liebesbriefe und Herzen von Björn, die darin hängen, haben eine andere Farbe. "Sehnsucht / Ich mag dich gerne / Heimweh / Liebe ist: Angie Baltzer / Ich habe Lotto gewonnen. Ich möchte gerne Hochzeitsreise / Schwanger, Kind haben / Ich muss ein bisschen weinen, glücklich und Freude". Das hat er einmal geschrieben. "Ich will mich nicht trennen lassen, ich mit ihm zusammen sein aus Liebe / Eine Traumhochzeit feiern / Ich will Ehepaarring haben / Traumhochzeit mit mein Schatz feiern / Ich liebe Björn Langenfeld: Ich liebe dich so sehr am Herzen". Das hat sie einmal geschrieben. Als sie kurz darauf in Berlin war, hat sie dort in einem Schmuckladen zwei Ringe gesehen. Die waren silbern mit einem schwarzen Muster. Sie hat Björn angerufen auf dem Handy und gesagt, dass sie die jetzt kaufen wird. Da hat er sich gefreut, und seitdem tragen sie sie. Beide sitzen sie jetzt auf dem Bett in Angelas Zimmer und blättern in einem Fotoalbum. Darin gibt es Bilder von einer Fahrt auf der Nordsee. Angela stand ganz vorm am Bug des Schiffes, Björn dahinter und beide haben sie die Arme ausgebreitet wie sie das kannten aus dem Film "Titanic". Angela lacht und dann schaltet sie das Radio ein. Darin liegt noch die CD von Yvonne Catterfeld. "Du hast mein Herz gebrochen", singen Björn und Angela, während sie Arm in Arm auf dem Bett liegen. Und dann knutschen sie noch. |
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