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Lebenshilfe-Zeitung Ausgabe 3, August 2000, gn.


Behinderung und ein glückliches Leben sind kein Widerspruch

"Wissenschaft ohne Grenzen?" Unter diesem Titel stand eine Podiumsdiskussion beim Kulturfestival "No Limits" am 13. August in der Christuskirche in Hannover.

Moderator Meinhard Schmidt-Degenhardt vom Hessischen Rundfunk richtete die erste Frage an Michaela Koenig aus WIen, Redakteurin der von Menschen mit Down-Syndrom gemachten Zeitung "0hrenkuss": "WiSsenschaftler sagen: Bestimmte Krankheiten muss es nicht geben. Wir forschen, damit solche Kinder erst gar nicht auf die Welt kommen. Was halten Sie davon?" Ihre Antwort: "Das finde ich total bescheuert, weil ich selbst Down-Syndrom habe, weil diese Kinder das Recht haben zu leben und weil sie wie ich ein tolles Leben führen können."

"Das Bild 'Krankheit verhindern' stimmt nicht!" wandte Prof. Dr. Sabine Stengel-Rutkowski, Humangenetikerin aus München, ein. Der Humangenetik gehe es nicht um "gesund" oder "krank"', sondern um VIelfalt: "In diesem Sinn sei zum Beispiel das Down-Syndrom eine "andere Normalität".

Ihr Kollege Dr. Wolfram Henn aus Homburg sah ein Verdienst seiner WIssenschaft in dem Nachweis: "Eugenik kann nicht funktionieren." Die Abtreibungsrate von weit über 90 Prozent bei nachgewiesenem Down-Syndrom sei nicht der WIssenschaft, sondern der Gesellschaft anzulasten.

Der Vorstellung von der Wertfreiheit der Wissenschaft widersprach Christian Judith von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben: "WIr werden in unserem Lebensrecht abgewertet. Die Humangenetikerin, die nondirektive Beratung propagiert, mir aber sagt: 'Sie können gar nicht glücklich sein', ist mitschuldig, wenn ich auf der Straße angemacht werde, zum Beispiel von Rechtsradikalen."

Mehrere Diskussionsbeiträge beschäftigten sich weiterhin mit dem gesellschaftlichen Bewusstsein. Robert Antretter, SPD, Mitglied im Bundesvorstand der Lebenshilfe, frchtet eine schleichende Verschlechterung. Als Anzeichen dafür zitierte er Sätze wie "Da hat mich so'n Mongo angemacht", die in einer Nachmittags-Talkshow unwidersprochen von der Moderatorin im Zusammenhang mit Übergriffen gefallen seien.

"Behindertes Leben ist erfülltes Leben, wenn die Bedingungen dafür geschaffen werden" , meinte Pastor Bernhard Isermeyer von der Diakonie. Er Wünschte sich von den Kirchen mehr Wachsamkeit, zum Beispiel gegenüber der Biomedizin-Konvention. Gegen deren Unterzeichnung wenden sich mit Nachdruck Robert Antretter und Hubert Hüppe, CDU stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin". Beide widersprachen der Forderung der Humangenetiker nach Toleranz in Fragen der Achtung.

Dazu überließ Meinhard Schmidt-Degenhard, dessen Moderation viel Beifall fand, das Schlusswort Michaela Koenig. Ihre Meinung: "Behinderte Kinder abzutreiben, ist Mord. Man darf Menschen mit geistiger Behinderung nicht töten."
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